||| © 2006 - 2018 - www.lucis.at

mail: sa@lucis.at

Zentrum für Geisteswissenschaft Straßburg

Franz Bardon über Askese


Seit jeher wird in allen Religionen, Sekten, Geistesrichtungen und Schulungssystemen auf Askese der größte Wert gelegt. Bei manchen Systemen des Orients ist die Askese sogar zum Fanatismus geworden, der vielfach sehr großen Schaden anrichtete, da eine Übertreibung hierin unnatürlich und ungesetzmäßig ist. Die Abtötung des Fleisches ist, allgemein genommen, genau so einseitig, wie wenn man nur eine Seite des menschlichen Körpers entwickeln und die andere vernachlässigen würde. Dient die Askese dem Körper, sagen wir in Form von Diät, um ihn von verschiedenen Schlacken und sonstigen Unreinlichkeiten zu befreien, ferner um Krankheiten zu beheben und Disharmonien auszugleichen, dann ist die Anwendung asketischer Maßnahmen berechtigt. Man hüte sich aber vor jeder Übertreibung. Wenn jemand physisch schwer arbeitet, so wäre es Torheit, wenn er dem Körper Stoffe, die zu seiner Erhaltung unbedingt notwendig sind, nur deshalb entziehen wollte, weil er sich privat mit Yoga oder Mystik befaßt. Solche Extreme führen unausweichlich zu folgeschweren gesundheitlichen Schädigungen. Vegetarismus, sofern er nicht als Mittel zum Zwecke dient, wie z. B. gleichfalls zur Entschlackung des Körpers, ist für den geistigen Fortschritt und für die geistige Entwicklung nicht unbedingt notwendig. Eine zeitweilige Enthaltsamkeit von Fleisch oder tierischen Speisen ist nur für ganz bestimmte magische Operationen, gleichsam als Vorbereitung, und dann nur für eine gewisse Zeitspanne vorgesehen. Dasselbe gilt für die Enthaltsamkeit im Geschlechtsleben. Die Idee, daß durch die Einnahme von Fleisch eines Tieres auch tierische Eigenschaften übernommen werden, ist töricht und stammt von einer Geistesrichtung, die nicht die vollkommenen und wahren Urgesetze kennt. Der Magier schenkt solchen Anschauungen keine Beachtung. Für die magisch - mystische Entwicklung muß der Magier nur Mäßigkeit im Essen und Trinken einhalten und eine vernünftige Lebensweise führen. Genaue Vorschriften lassen sich hier nicht bestimmen, denn die magische Lebensweise ist bei jedem einzelnen ganz individuell. Jeder muß am besten selbst wissen, was ihm bekömmlich ist und was ihm schadet, und seine heilige Pflicht ist es, überall das Gleichgewicht zu erhalten. Es gibt drei Arten von Askese: 1. die geistige oder mentale; 2. die seelische oder astrale und 3. die körperliche oder materielle Askese. Der ersteren obliegt die Gedankenzucht, der zweiten die Veredlung der Seele durch Beherrschung der Leidenschaften und Triebe und der dritten die Harmonisierung des Körpers durch mäßigen und natürlichen Lebenswandel. Ohne diese drei Askesearten, die gleichzeitig und parallel entwickelt werden müssen, ist ein richtiger magischer Aufstieg nicht denkbar. Keine von diesen drei Arten darf vernachlässigt werden, keine darf den Vorrang gewinnen, falls die Entwicklung nicht einseitig werden soll. Auf die Durchführungsmethode weise ich noch im praktischen Lehrgang dieses Buches näher hin. Ehe ich den theoretischen Teil beende, der die theoretische Grundlage zeigt, empfehle ich jedermann, daß dieser nicht nur zu lesen ist, sondern durch intensives Denken und Meditieren geistiges Eigentum jedes einzelnen werden muß. Der angehende Magier wird zu der Erkenntnis gelangen, daß die Arbeit der Elemente in den verschiedenen Ebenen und Sphären das Leben bedingt. Man sieht, daß sowohl im kleinen als auch im großen, also im Mikro - und im Makrokosmos, im Zeitlichen und im Ewigen, die Kräfte arbeiten und wirken. Aus dieser Einsicht heraus gibt es daher keinen Tod im wahren Sinne des Wortes, sondern alles lebt weiter, verwandelt und vervollkommnet sich gemäß den Urgesetzen. Der Magier fürchtet deshalb den Tod nicht, denn der physische Tod ist nur ein Übergang in die weitaus feinere Sphäre, die Astralebene, von dort aus in die Geistesebene usf. Er wird weder an einen Himmel noch an eine Hölle glauben. An dieser Vorstellung halten die Priester der verschiedensten Religionen fest, um ihre Gläubigen im Banne zu halten. Ihre Moralpredigten dienen dazu, Furcht vor der Hölle, vor dem Fegefeuer heraufzubeschwören und dem moralisch guten Menschen den Himmel zu versprechen. Für den Durchschnittsmenschen, soweit er religiös veranlagt ist, hat auch diese Anschauung ihre guten Seiten, wenigstens bleibt er bemüht, aus Furcht vor der Höllenstrafe gut zu sein. Dem Magier dagegen dienen die Moralgesetze dazu, Seele und Geist zu veredeln. Nur in einer veredelten Seele können die Universalkräfte wirken, insbesondere dann, wenn Körper, Seele und Geist gleichmäßig geschult und entwickelt sind.


Quelle: Franz Bardon / Der Weg zum Wahren Adepten – 7. Auflage 1982