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Zentrum für Geisteswissenschaft Straßburg

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Enthaltsamkeit im Essen und Trinken

aus dem Werk von Erich Bischoff - Wunder der Kabbalh, Die kabbalistische Praxis


Durch nichts wird von den Menschen jedes Alters und Geschlechtes öfter, allgemeiner und mehr gesündigt als durch Unmäßigkeit und Üppigkeit beim Genusse von Speise und Trank. Die Befriedigung von Zunge, Gaumen, Kehle und Magen ist die verbreitetste und gröbste Form materialistischer Lebensweise. Im Gegensatz hierzu beginnen schon seit alters fromme Israeliten regelmäßiges Fasten zu bestimmten Zeiten als „feine körperliche Zucht“. Die fromme Witwe Judith „fastete täglich, außer am Kabbath, an Neumonden und andern Festen des Hauses Israel“ (Judith 8, 6), ebenso hielten die Pharisäer zweimal wöchentlich Fasten: am 5. Wochentage, weil an einem solchen Moses zum Sinai hinaufstieg, und am 2., weil er an einem solchen wieder herabkam. Daniel suchte sich durch Fasten soweit vom Materiellen loszulösen, daß er göttlicher Offenbarung würdig wurde (Daniel 10, 1 ff. bis 13), ähnlich fastete im Neuen Testament der Proselyt Cornelius vor seiner Taufe durch Petrus vier Tage lang (Apostelgesch. 10, 30), und ins tiefste Anschauen Gottes versunken, bleibt sowohl der Begründer der alttestamentlichen, wie derjenige der neutestamentlichen Religion volle vierzig Tage hindurch ohne jegliche Nahrung (2. Mose 14, 8; Matth. 4, 2). Im Hinblick auf solche weitgehende Loslösung vom Materiellen wie bei Mose ruft der schon zitierte Kabbalist J. Hurwitz aus: „Wie gut wäre es, wenn der Mensch ohne Speise und Trank bestehen könnte! Leider aber ist das Gesetz nicht für Engel gegeben. So muß man es sich genügen lassen, sich lediglich des gerade zum Leben Notwendigen an Nahrung zu bedienen.“ Nur am Sabbath sowie an Fest- und Neumondstagen darf man sich ein wenig Genuß gönnen. Im übrigen sei „jedermann stark wie ein Löwe und gewöhne sich gern und froh an Fasten und Kasteiung, um sich dadurch zu heiligen.“


Denn „das Fasten, bei dem der Mensch sein Fleisch und Blut gering macht, fällt in das Geheimnis des Opfers“. Wer so zum Zwecke der Selbstentäußerung fastet, „gehört bereits nicht mehr der grobstofflichen diesseitigen, sondern der (vergeistigten) jenseitigen Welt an“. Das trifft aber nur zu, wenn die möglichst weitgehende, bis zum ausgedehnten Fasten gesteigerte Enthaltsamkeit in bezug auf Speise und Trank nicht gedankenlos oder aus selbstischen Beweggründen (etwa, um sich mit der Frömmigkeit zu brüsten oder in Hoffnung auf irdischen oder himmlischen Lohn), sondern in der reinen Absicht geschieht, durch solche tunlichste Loslösung von den Fesseln des Stofflichen den Leib derart zu heiligen, daß er der Seele in ihrem Streben nach dem  Aufschwunge zur Gottesgemeinschaft in denkbar geringstem Maße hinderlich ist.