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Zentrum für Geisteswissenschaft Straßburg

Erich Bischoff über die Kabbalah

Erich Bischoff - Elemente der Kabbalah


…die ältere Lehrform (vor allem im Sohar) lehrt eine rein geistige Urschöpfung, d.h. die Setzung eines großen Weltplanes und der diesen bewirkenden Kräfte durch die absolute Gottheit, die andere Lehrform nimmt mehr oder minder bestimmt eine Emanation an, d.h. ein zeitloses und aus der Natur des Absoluten selbst mit Notwendigkeit folgendes und sich vollziehendes Ausströmen aller Potenzen der geistigen und materiellen Welt. Dieser Unterschied indessen ist zwar theologisch von Wichtigkeit, weniger aber für eine Darstellung des hauptsächlichen Inhaltes der hervorstechendsten kabbalistischen Lehren, ich habe ihn daher auch in meinem früheren Buche nicht betont, zumal da dort schon der knappe Raum Beschränkung auf das Wissenswerte gebot….


Es gibt eine Unzahl kabbalistischer Schriften, verschieden nach den Namen, der geistigen Reife, den Zwecken und der Darstellungsart ihrer Verfasser. Deswegen von verschiedenartigen kabbalistischen Systemen sprechen zu wollen, erscheint gewagt, denn die großen Hauptgedanken sind bei allen im Wesentlichen dieselben, die Abweichungen voneinander dagegen in Einzelheiten wohl vorhanden, aber mehr solche der Form und der Gedankenverbindung, so dass im allgemeinen durchaus nichts im Wege steht, ein Gesamtbild von den Hauptlehren der Kabbalah zu entwerfen oder wenigstens einen Durchblick durch diese zu geben, wie ich es im 3. Teile meiner Kabbalah von 1903 getan habe….


 „Kabbalah“ bedeutet „Überlieferung“, Tradition. Diese Überlieferung geht nachweislich zurück auf uralt-orientalische Gedanken, die uns zuerst vor vier bis fünf Jahrtausenden „an Wasserflüssen Babylons“ in astraler Einkleidung entgegentreten, in der jüdischen Geisteswerkstatt aber, und das gilt auch von der älteren Kabbalah, durchweg monotheistisch umgestaltet, ausgebaut und auf stete religionsphilosophische Grundlage mit theologischer Beweisführung gestellt sind.


Weit über die Sternenwelt hinaus, alle Schalen und Hüllen der Materie abstreifend, erhebt sich hier der kühne Schwung des Denkens zu den reinsten Höhen des Urseins, um von hier alles Dasein abzuleiten und auf dieser über Raum, Zeit und Welt erhabenen Ewigkeitszinne alles Sinnens und Seins höchstes und tiefstes Wesen zu erfassen. Zu diesem Aufschwung in die höchsten Regionen des Denkens reicht allerdings der klappernde Mechanismus der Alltagslogik nicht zu. Unser gewöhnliches „diskursives“ Denken vermag von jenen höchsten Dingen bestenfalls nur zu sagen, was sie nicht seien, wie dies z.B. auch Kant lehrt, wenn er das Wesen des „Dinges an sich“ als über unser Denken hinausgehend bezeichnet, als eine Denknotwendigkeit, die wir aber nur als eine Grenzbestimmung für die uns mögliche Vernunfterkenntnis erfassen können. Weiter hinaus bedarf es eben einer ganz anderen Erkenntnisart, der reinen Anschauung oder Intuition, die das ewige Wesen alles Seins, das „reine Sein“ oder „das Absolute“ unmittelbar erfasst. Das ist die dem Alltagsverstande ewig unerreichbare Erkenntnis der Mystik, in welcher der endliche, aber (wie unsere deutsche  Mystiker sagen) „vergottete“ Geist kraft seiner Gottebenbildlichkeit das Ewige, unendliche zu erfassen, in die „Tiefen der Gottheit“ einzubringen vermag….


…Das sowohl durch die Ethik wie durch die gesamte Lehre der Kabbalah laut oder leise ein religiöser Grundton klingt, wird nur dem nicht zusagen, der nicht weiß, was Religion wirklich ist. Alles Denken und Wissen, das vom letzten Urgrund ausgehend zu ihm zurückführt, ist Theosophie, und Theosophie ist wesentlich religiös. Alles Religiöse wiederum ist im Wesenskerne immer wahr, weil es sich bezieht auf den Urgrund alles Denkens und Seins Überhaupt, mit einem Worte: auf Gott!