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FRABATO  HERMETICA

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Zentrum für Geisteswissenschaft Straßburg

Erich Bischoff über Meditation

aus dem Werk von Erich Bischoff - Wunder der Kabbalh, Theoretische Grundlagen der Kabbalah


Meditation, tiefsinnigste Gedankenversenkung in den innersten Kern des göttlichen Wortes und von hier aus in das innerste Wesen des göttlichen Werkes, der geistigen und materiellen Schöpfung, ist ein Mittel zu solchem Aufstieg nach oben und zur Vereinigung der gottgeborenen Seele mit ihrem Urquell. – Ein zweites Mittel zu demselben Zwecke ist das Gebet. Stellt die Meditation die Erhebung des Verstandes zur innigsten Gemeinschaft mit der göttlichen Wesenheit dar, so vollzieht sich im rechten Gebete die mystische Vermählung des Herzens mit dem göttlichen Ursein. Triebfeder und Ergebnis zugleich ist dort die Ehrfurcht vor Gottes Walten und seiner Welt, hier die Liebe zu beiden. – Bedingung und Wirkung rechter Meditation und rechten Gebets, rechter Gottesfurcht und Gottesliebe aber ist ein zunächst äußerer, späterhin vergeistigter heiliger Wandel in Gedanken, Worten und Werken, in dem sich das Aufgehen unseres Willens in dem göttlichen Urwillen ausspricht. Der veredelte reine Wandel besteht in demutsvoller Erfüllung der göttlichen Gebote, in liebevollem Verhalten zu den Geschöpfen Gottes und in werktätiger, bußevoller Selbstzucht. Derart vergeistigtes Denken, Fühlen und Wollen auf der Grundlage kabbalistischer Einsicht in das Wesen Gottes und seiner Welt schafft eine geheimnisvolle Verbindung zwischen dem oberen, göttlichen und dem unteren, irdischen Sein. Wer sein eigenes Ich auf diese Weise immer lichtvoller gestaltet und die nicht lichten, getrübten Bestandteile seines Wesens immer mehr verringert, in den zieht das göttliche Licht immer völliger ein und verleiht ihm übernatürliche geistige Kräfte, mit denen er auf seine Umgebung beherrschend und zugleich veredelnd zu wirken vermag. Kraft der Einheit und des innigen Zusammenhanges alles Seins im Universum wirkt diese seine Vervollkommnung und seelische Macht auch wiederum auf die höheren Sphären ein und verstärkt deren Einfluß, der dann auch ihm aufs neue zugute kommt, so daß er auf diese Weise übernatürliche Taten zu vollbringen vermag, die ihrerseits zum Siege des Lichtes beitragen und dadurch zur Erlösung der Welt mithelfen und schließlich den (messianischen) Zustand herbeiführen, wo alsdann wieder, wie uranfänglich, Gott „Alles in Allem“ ist. Auf diesen Gedankengrundlagen, die hier des beschränkten Raumes wegen nur in ihren Umrissen wiedergegeben werden konnten, baut sich die Praxis der Kabbalisten auf. Bei dieser wird es nötig sein, zwischen der überwiegend asketischen Praxis der älteren Kabbalisten aus der Schule Isaak Lurja's, des hervorragendsten Vertreters der praktischen Kabbalah, und der freienPraxis der neueren Kabbalisten chassidischer Richtung zu unterscheiden, die trotz vieler Besonderheiten durchaus auf kabbalistischen Gedanken fußen. Soweit diese Praxis von der alten abweicht, werden wir uns begnügen, sie gelegentlich anhangsweise zu erwähnen, da eine auch nur einigermaßen ausreichende Darstellung der beiden praktischen Systeme nebeneinander zu viel Platz beanspruchen würde und manches unnötigerweise doppelt zu sagen wäre, außerdem aber in weiten jüdischen Kreisen – und zwar nicht nur vom flachen Modernismus, sondern auch vom echten rabbinischen Judentume – Theorie und Praxis des Chassidismus nicht in allen Stücken für voll angesehen wird. Wenn ich auch darüber mit Horodetzky, Levertoff und anderen weit günstiger denke, so ist doch in einer solchen knappen Darstellung wie der vorliegenden Betonung dieses Sonderstandpunktes sicherlich nicht geboten.