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Zentrum für Geisteswissenschaft Straßburg

Ernst Kurtzahn über die Symbolik des Rosenkreuz


Herleitung des Namens Rosenkreuzer, aus der Alchemie


Alchemie!! Wohl einem jeden von uns ist dieses Wort schon begegnet, doch welche verschiedene Wirkungen hat es ausgeübt: Mitleidiges Achselzucken bei dem Einen, irgend eine unklare Vorstellung von Goldmachen bei dem Anderen, den Beweis für eine schlimme Verirrung

des menschlichen Geistes bei den übrigen!  Alle haben Recht von ihren Standpunkten aus, aber alle haben auch Unrecht vom rosenkreuzerischen Standpunkte.


Zum richtigen Verständnis der Rosenkreuzerei ist zunächst eine gründliche Kenntnis der Hauptgedanken der Alchemie notwendig. Ferner einiges

Verständnis ihrer eigentümlichen Bezeichnungen; denn, um es vorweg zu nehmen, die Rosenkreuzer waren (oder sind) Alchemisten hauptsächlich in dem Sinne, wie die Freimaurer z.B. heute Maurer sind!!


Der Name "Rosenkreuzer" stammt nach einwandfreien Forschungsergebnissen der bekannten Rosenkreuzer Forscher Dr. Maack, Dr. Freudenberg,  u.A. aus der Alchemie, und nicht, wie meistens (aus guten Gründen unwidersprochen) unrichtig behauptet wird, von einem  angeblichem  Gründer des Rosenkreuz Ordens, dem Christian Rosencreutz, welcher lediglich als bedeutender, an die Öffentlichkeit getretener Rosenkreuzer anzusehen ist. Mit ihm werden wir noch später zu tun haben. Im Mittelpunkte der gesamten Alchemie steht die Herstellung des "Lapis philosophorum", des Steins der Weisen. Er besteht angeblich aus einem  roten Pulver oder auch Tinktur, deren Herstellung nur erfolgen konnte:

1. Durch   einen   geheimnisvollen   Ausgangsstoff,  genannt  "Materia prima" oder "Urmaterie".

2. Durch eine äusserst schwierige und langwierige Darstellungsmethode, den sogenannten "Prozess"; und endlich

3. durch absolut notwendige persönliche Berufung und Befähigung zur Herstellung. (Etwa in der Art, wie heute auch nicht ein jeder zur

Führung der wasser und erzfindenden Wünschelrute und des Pendels geeignet ist.)


Wer also  nicht persönlich von jener geistigen Kraft, die man, wenn man will mit "Gott" bezeichnen mag, gewürdigt wurde, diese Berufung zu besitzen, dem nützte weder die Kenntnis der stets ängstlich geheim gehaltenen "Prima materia"  (des Urstoffs) etwas, ebensowenig auch die

hingehendste Durchführung des Prozesses!


Ferner: wollte der "Künstler" den Stein der Weisen nur schaffen, um sich deren Kräfte in selbstsüchtiger Weise zu eigen zu machen, so gelang ihm

natürlich  schon  aus  diesem  Grunde  das  "Magisterium  magnum"  (das grosse Werk) nicht. Die Kräfte des Lapis (oder Stein) bestanden im wesentlichen wirklich oder angeblich, das bleibe hier unentschieden in Folgendem.


Mit seiner Hilfe konnte man:

1. Krankheiten heilen,

2. Armut beseitigen, durch Verwandlung unedler Metalle in edle,

3. sich dauernd jung erhalten, und noch tausend andere gute Dinge!!


Die eben erwähnte Bedingung aber des "persönlichen Berufen und Auserwähltseins" zeigt deutlich, dass die wahren Alchemisten von jeher "heilige", d.h. gute Menschen waren und sein müssten. "Die Alchemie findet einen entweder fromm, oder macht einen fromm," heisst es in irgend einem der zahlreichen alten Werke, die mir vorlagen. Dieser, wenn man sagen darf, christliche Standpunkt, brauchte nun nur, wie das später eben auch geschah, etwas stärker betont zu werden und die Rosenkreuzerei war fertig!


Wir sind nunmehr leichter in der Lage zu verstehen, wie die Rosenkreuzer infolge des innigen Zusammenhanges mit der Alchemie auch ihren Namen

und ihre Symbolik von dem Herstellungsprozess des Lapis ableiten! Ohne hier auf den schwierigen Prozess selbst eingehen zu wollen, wegen seiner dunklen Symbolik, Technik und wegen seiner unzähligen Kunstwörter, die erklärt werden müssten, sei als hauptsächlich erwähnt:

Die zu der Bereitung des Steines notwendigen Ausgangsstoffe in denen sich die materia prima fand, hatten farbige Bezeichnungen.

So die wichtigsten Bestandteile:

der rote und weisse Schwefel, oder analog benannt die rote und weisse Rose. Diese bildeten die polarisierte Materie, die "Materia prima",  von der der Prozess nun seinen Ausgang nahm. Ausserdem war (und ist) die Rose das symbolum mysticum der Entwicklung, Ausbreitung, Schönheit (Weisheit, Stärke, Schönheit). Hiermit ist die erste Hälfte des Rosenkreuzernamens erklärt.


Nun zur zweiten Hälfte, das Kreuz!  "In cruce rosea mea victoria!!"


Vielleicht würde jetzt schon der Hinweis genügen, dass die (für uns!) historischen Rosenkreuzer Christen waren, um das Aufnehmen des Wortes

"Kreuz" in ihren Namen zu erklären, denn: "Per crucem ad Lucem" lautet ein bekannter Satz. Aber wie die Rose, so hat auch das Kreuz eine alchemistische hervorragende Bedeutung: Es ist das Symbol für den Essig, acidum naturae, Aceton. Dieser Essig, der Essig der Weisen, war nämlich ein Synonym für das beim Prozess unerlässliche radikale Auflösungsmittel. "Solve et coagula".  

"Löse und lasse wieder gerinnen!" ist aber einer der rosenkreuzerischen Fundamentalsätze, mit welchem  die Rosenkreuzer u.A. auch die Tätigkeit der Natur er klärten. Aus Vorstehendem erklärt sich leichtverständlich das "Symbol der Rosenkreuzer", das aus einem Kreis mit aufgesetztem Kreuz besteht und Kreuzapfel genannt wird. (Man denke hierbei an den bekannten Reichsapfel). Jedoch auch noch in einem anderen, als dem  rein alchemistischen Sinne kann man den Kreuzapfel erklären: Das Kreuz besteht aus einer vertikalen und einer horizontalen Linie:  Erstere bezeichnet das Herabsteigen des Geistes von oben, letztere die Materie. Das Kreuz ist also ein Symbol für Polarität; der Kreis versinnbildlicht die Vollendung. Der Kreuzapfel drückt also vollkommen und einfach genug das Rosenkreuzer Prinzip aus. Soviel über den Namen Rosenkreuzer.



Quelle: Ernst Tristan Kurtzahn - Die Rosenkreuzer, 1920