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Zentrum für Geisteswissenschaft Straßburg

Rudolf Steiner über den Sinn des Lebens

Vortrag vom 24. Mai 1912


....geschaffen zwischen der Welt, die früher war, und derjenigen, die später ist, und der Mensch selber nimmt dasjenige für sich, für seine Entwickelung, was in der Unsumme von Wesen als Name lebt, und bewirkt dadurch, daß er mit der ganzen Entwickelung aufsteigt.


Da haben wir, nicht in einfacher, abstrakter Weise, die Frage beantwortet: Welches ist der Sinn des Lebens? obwohl im Grunde genommen die abstrakte Antwort darinnenliegt. Der Mensch ist geworden ein Mithelfer der geistigen Wesenheiten. Er ist es geworden durch sein ganzes Wesen. Was in ihm ist, ist geworden der Befruchtungskeim für die ganze Schöpfung. Er muß da sein, und ohne ihn könnte die Schöpfung nicht da sein. So fühlt sich der Mensch, indem er sich darinnenstehend weiß in der Schöpfung, als ein Teilnehmer an dem göttlich-geistigen Schaffen.


Jetzt weiß er auch, warum er in sich ein solches Leben führt, warum draußen die Welt der Sterne, der Wolken, der Naturreiche ist, mit alledem, was geistig dazugehört, und in ihm eine Welt des Seelenlebens vorhanden ist. Denn jetzt sieht der Mensch: Diese zwei Welten gehören zusammen, und nur indem sie gegenseitig aufeinander wirken, geht die Entwickelung vorwärts. Draußen breitet sich im Raume die unermeßliche Welt aus. Da drinnen in uns ist unsere Seelenwelt. Wir merken es nicht, daß das, was in uns lebt, hinaussprüht und sich verbindet mit dem, was draußen lebt. Wir merken es nicht, daß wir der Schauplatz der Verbindung sind. Das, was in uns ist, ist sozusagen der eine Pol, und das, was draußen ist in der Welt, das ist der andere Pol, die beide sich zum Fortgange der Weltentwickelung miteinander verbinden müssen. Und der Sinn, der Sinn des Menschen, liegt darinnen, daß wir dabei sein dürfen.

Die gewöhnliche Erkenntnis des normalen Bewußtseins weiß nicht viel von diesen Dingen. Aber indem wir in der Erkenntnis dieser Dinge fortschreiten, werden wir immer mehr bewußt, daß in uns gleichsam der Ort ist, wo Nord- und Südpol der Welt C wenn ich es damit vergleichen darf C ihre entgegengesetzten Kräfte austauschen, sich miteinander vereinigen, so daß die Weiterentwickelung vor sich gehen kann. Wir lernen durch die okkulte Wissenschaft, daß in uns der Schauplatz ist für den Ausgleich der Kräfte der Welt. Wir fühlen, wie in uns wie in einem Zentrum die göttlich-geistige Welt lebt, wie sie sich mit der Außenwelt verbindet und wie die beiden so sich gegenseitig befruchten.


Wenn wir uns so als Schauplatz fühlen und wissen, wir sind dabei, dann stellen wir uns richtig hinein in das Leben, erfassen den ganzen Sinn des Lebens und erkennen, daß das, was zunächst unbewußt ist, dadurch, daß wir in der Geisteswissenschaft weiterdringen, uns immer mehr bewußt werden wird. Darauf beruht alle Entwickelung der höheren Geisteskräfte. Während es dem normalen Bewußtsein entzogen ist, zu wissen: Da vereinigt sich in dir etwas mit dem, was da draußen ist, ist es dem höheren Bewußtsein erlaubt, zuzuschauen. Dieses entwickelt wirklich dasjenige, was zur Außenwelt dazu gehört. Daher ist es notwendig, daß ein gewisser Reifezustand eintritt, daß man nicht in wilder Weise vermischt das, was drinnen ist, und das, was draußen ist. Denn sobald wir zu einem höheren Bewußtsein aufsteigen, ist das eine Wirklichkeit, was in uns lebt. Schein ist es so lange, als man im gewöhnlichen, normalen Bewußtsein lebt.


Teilnehmen werden wir an dem Göttlich-Geistigen. Warum aber werden wir so teilnehmen? Hat denn das Ganze überhaupt einen Sinn, wenn wir sozusagen nur eine Art Ausgleichs-Apparat für die entgegengesetzten Kräfte sind? Könnten diese Kräfte sich nicht auch ohne uns ausgleichen? Eine sehr einfache Überlegung zeigt uns, wie die Sache steht. Nehmen Sie an, es ist das eine Kraftmasse (es wird gezeichnet). Der eine Teil lebt innen, der andere draußen. Daß diese Teile einander gegenüberstehen, das ist ohne uns zustande gekommen. Wir halten sie zunächst auseinander. Daß sie aber überhaupt zusammenkommen, das hängt von uns ab. Wir bringen sie zusammen in uns. Dieser Gedanke ist ein Gedanke, der die allertiefsten Geheimnisse in \uns aufregt, wenn wir ihn richtig überlegen. Als eine Dualität stellen uns die Götter die Welt gegenüber: draußen die objektive Wirklichkeit, in uns das Seelenleben. Wir stehen dabei und sind diejenigen, die en Strom gleichsam schließen und so die beiden Pole zusammenbringen. Das geschieht in uns, geschieht auf dem Schauplatze unseres Bewußtseins.


Da tritt nun ein dasjenige, was für uns die Freiheit ist. Damit werden wir selbständige Wesenheiten. In dem ganzen Weltenbau haben wir nicht bloß einen Schauplatz, sondern ein Feld der Mitarbeit zu sehen. Damit ist allerdings ein Gedanke angeregt, den die Welt nicht so leicht versteht, nicht einmal, wenn man ihn ihr philosophisch vorführt, denn ich habe das vor Jahren versucht in meinem Büchelchen *Wahrheit und Wissenschaft+, indem ich dargestellt habe, daß zunächst die Sinnestätigkeit da ist und dann die innere Welt, daß aber das Zusammensein, das Zusammenwirken notwendig ist. Da ist der Gedanke philosophisch durchgeführt. Ich versuchte damals noch nicht die okkulten Geheimnisse dahinter zu zeigen, aber die Welt hat nicht einmal das Philosophische verstanden in jener Zeit.


Nun sehen wir, wie wir den Sinn unseres Lebens zu denken haben. Es kommt Sinn hinein: Wir werden zu Mitakteuren gemacht im Weltprozeß. Was in der Welt ist, wird in zwei entgegengesetzte Lager getrennt, und wir werden hineingestellt, um diese zusammenzubringen. Dabei ist die Sache keineswegs so, daß wir uns vorzustellen haben, diese Arbeit wäre eine engbegrenzte. Ich kenne einen spaßigen Herrn in Deutschland, der viel für deutsche Zeitschriften schreibt. Er schrieb neulich in einer Zeitung, daß es notwendig wäre für die Weltenentwickelung, daß der Mensch immerfort auf dem Standpunkte bleibe, die gewöhnlichen Weltenrätsel nicht lösen zu können, und daß es nicht richtig wäre, wenn der Mensch dazu käme, dieselben verstandesmäßig zu durchdringen, zu lösen. Denn wenn der Mensch die Verstandesrätsel gelöst hätte, dann wären keine mehr da, und es wäre nichts mehr für ihn zu tun. C Also müssen immer über die Verstandesrätsel Zweifel da sein, und es müssen immer unvollkommene Dinge geschehen! Dieser Mann hat nämlich keine Ahnung davon, daß, wenn das normale Bewußtsein an seinem Ende angekommen ist, dann das Bewußtsein selber fortschreitet, und daß da eine neue Polarität auftritt, die eine neue Aufgabe darstellt und wieder zu vereinigen ist. Wie lange zu vereinigen?


So lange, bis der Mensch tatsächlich erreicht hat, daß sich in seinem Bewußtsein wiederholt hat das göttliche Bewußtsein.


Jetzt können wir uns, nachdem wir uns eine Ahnung verschafft haben von der ganz unermeßlichen Größe des Rätsels, zu der abstrakten Antwort erheben, jetzt, da wir wissen, daß in uns aufleben die Befruchtungskeime für eine geistige Welt, die nicht ohne uns vorwärtsgehen kann. Jetzt wollen wir auch sehen, wie es steht mit dem Sinn des Lebens, denn jetzt arbeiten wir auf breiter Unterlage. Jetzt |ist es so, daß wir uns sagen müssen: Einstmals war in der Evolution das göttliche Bewußtsein. Das war in seiner Unermeßlichkeit. Damit stehen wir im Beginne des Daseins. Dieses göttliche Bewußtsein bildet zunächst Abbilder. Wodurch unterscheiden sich nun diese Abbilder von dem göttlichen Bewußtsein? Dadurch, daß sie viele waren, während das göttliche Bewußtsein nur eins ist. Dadurch ferner, daß sie leer waren während das göttliche Bewußtsein voll Inhalt war, so daß die Abbilder erst als Vielheit vorhanden sind, dann aber auch leer, so, wie wir das leere Ich hatten gegenüber dem von einer ganzen Welt erfüllten göttlichen Ich. Aber dieses leere Ich wird zum Schauplatze gemacht, wo sich fortwährend verbinden die göttlichen Inhalte, die in zwei entgegengesetzte Lager geteilt werden. Und indem das leere Bewußtsein fort und fort Ausgleiche schafft, erfüllt es sich immer mehr mit dem, was ursprünglich im göttlichen Bewußtsein war. Es geht also die Evolution so vorwärts, daß das einzelne Bewußtsein erfüllt wird mit dem, was im Beginne das göttliche Bewußtsein an Inhalt hatte. Durch den fortwährenden Ausgleich in den Individualitäten geschieht das.


Braucht das göttliche Bewußtsein das zu seiner Entwickelung? So fragen viele, die den Sinn des Lebens nicht ganz verstehen können. Braucht das göttliche Bewußtsein dies zu seiner eigenen Vollkommenheit, zu seiner eigenen Entwickelung? Nein, das göttliche Bewußtsein braucht das nicht. Es hat alles in sich. Aber das göttliche Bewußtsein ist nicht egoistisch. Es gönnt einer unermeßlich großen Zahl von Wesen denselben Inhalt, den es selber hat. Dafür müssen diese Wesen aber erst das Ganze erwerben, so daß sie das göttliche Bewußtsein in sich haben und das göttliche Bewußtsein dadurch vermannigfaltigt wird. In großer Zahl erscheint dann, was einst in Einheit war im Beginne der Weltentwickelung, was in der Folge aber wieder abfällt auf dem Wege der Durchgöttlichung der Einzel-Bewußtseine.


Diese Entwickelung, wie sie hier geschildert wird, war für den Menschen im Grunde genommen immer so. Sie war so während der Saturnzeit, sie war ähnlich während der Sonnen- und Mondenzeit. Für die Erdenzeit haben wir sie heute klar entwickelt. Für die Saturnzeit macht die erste Anlage des physischen Leibes diese Entwickelung durch und befruchtet anderseits nach außen, für die Sonnenzeit die Anlage des Ätherleibes und so weiter. Der Vorgang ist derselbe, wird nur immer geistiger und geistiger. Immer weniger und weniger bleibt zuletzt draußen übrig, was noch zu befruchten ist. Indem die Menschen sich weiterentwickeln, wird immer mehr und mehr in ihnen leben und immer weniger draußen sein, was noch zu befruchten ist. Daher wird er am Ende das, was draußen ist, immer mehr in seinem Innern haben. Die Außenwelt wird zu seinem Innern werden. Verinnerlichung ist die andere Seite der Vorwärtsentwickelung.


Vereinigung des Inneren mit dem Äußeren, Verinnerlichung des Äußeren, das sind die zwei Punkte, nach denen sich die Menschen vorwärtsentwickeln. Sie werden immer ähnlicher werden dem Göttlichen und zuletzt immer innerlicher. Bei der Vulkanentwickelung wird dann alles befruchtet sein. Alles Äußere wird Inneres geworden sein. Vergöttlichung ist Verinnerlichung. Verinnerlichung ist Vergöttlichung. Das ist das Ziel und der Sinn des Lebens.


Aber wir kommen hinter die Sache erst dann, wenn wir sie uns nicht so vorstellen, daß wir damit nur abstrakte Begriffe hinpfahlen, sondern indem wir wirklich auf die Einzelheiten eingehen. Der Mensch muß sich in die Sache vertiefen und so in die Einzelheiten eingehen, daß, wenn er den Namen der Tiere und Pflanzen bildet, in seinem Innern etwas entsteht, was das, was im Worte ist, verbindet mit dem, was dem Tier- oder Pflanzenkeime zugrunde liegt und dann in der geistigen Welt weiterlebt. Eine Aufbesserung in der Entwickelung braucht schon unsere Weltanschauung, denn was hat denn der Darwinismus in dieser Richtung geleistet? Er spricht vom Kampfe ums Dasein. Er berücksichtigt aber nicht, daß auch das einer Fortentwickelung unterliegt, was bei ihm besiegt wird und zugrunde geht. Der Darwinist sieht nur die Wesen, die das Ziel erreichen, und die anderen, die zugrunde gehen. Die zugrunde gehen, die sprühen aber das Geistige aus, so daß sich nicht nur das entwickelt, was im physisischen Kampfe siegt. Das was scheinbar zugrunde geht, macht die Entwicklung im Geistigen durch.