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Zentrum für Geisteswissenschaft Straßburg

Alfred Unger über die Freimaurerei


Die Freimaurerei ist heute nicht mehr die „geheime“ Gesellschaft, die sie für viele, denen der Zugang verwehrt blieb, in vergangenen Jahrhunderten gewesen ist. Ihr Schrifttum liegt jedem offen, ihr Wollen ist klar erkennbar; es ist im Wesentlichen darauf gerichtet, den Menschen in seinem Seelenleben und in seinem Charakter auf sich selbst zu stellen, sein Verantwortungsgefühl und seine Denkarbeit über den  Menschenberuf zu wecken und ihn dauernd zu mahnen an die Ewigkeitswerte, deren Pflege und Kraft den Menschen hinanzieht zum Göttlichen. Dieses auf die Vertiefung und Veredelung des menschlichen Lebens hinzielende Streben nennt sie die „königliche Kunst“, und Weisheit, Schönheit, d.h. Innere Schönheit, und sittliche Stärke, das sind die drei Säulen, auf denen der Bau dieser vornehmsten aller Künste errichtet wird.


Zu jeder Zeit und in jedem Lande hat die Freimaurerei ihre besondere Ausprägung gefunden. Die deutsche Freimaurerei nimmt es wohl mit Recht für sich in Anspruch, die „königliche Kunst“ gedanklich und nach der Gemütsseite außerordentlich vertieft und bereichert zu haben. Als ein echter Ausdruck der deutschen Volksseele kann sie sich den anderen Kulturfaktoren ebenbürdig an die Seite stellen, auf die jeder Deutsche mit Stolz blickt. Wer der deutschen Freimaurerei andere als ethisch-soziale, also sittliche Ziele nachsagt, der hat sich irreführen lassen durch die Freimaurerei mancher außerdeutschen Länder, die neben den sittlichen Bestrebungen auch als politische Macht eine Rolle zu spielen versucht. Die deutsche Freimaurerei bleibt sich dauernd ihres sittlichen Berufes, der in jener keuchtenden Dreizahl begründet ist, bewusst.


Neben ihrem Wirken im praktischen Leben der Gegenwart stellt sich die deutsche Freimaurerei eine geisteswissenschatliche Aufgabe: nicht nur ihre eigene Geschichte zu erforschen, sondern auch den Spuren jener Einen großen Menschheitsreligion bei anderen Völkern und in anderen Zeiten nachzugehen, der sie selbst entsprungen ist. Denn was seit etwa 200 Jahren den Namen Freimaurerei trägt, das lässt sich unter anderen Formen wohl bis zu den Anfängen menschlicher Geschichte verfolgen. Von jeher, seit dem Erwachen des Menschenbewusstseins, haben die Menschen versucht, die Rätsel des Lebens zu erfassen und im sittlichen Handeln praktisch zu lösen, und zu allen Zeiten erahnten oder erkannten sie bei solchem Bemühen die eine unaussprechliche Gottesmacht, den erhabenen Weltenbaumeister. So verschieden die Namen, unter denen die göttlich-geistige Macht verehrt wurde, so verschieden waren auch die Wege, auf denen man sich in anderen Zeiten ihr nahte. Und sind diese Wege für uns moderne Menschen heute z.T. Verschüttet, z.T. in der alten Weise auch nicht mehr gangbar, so bietet es uns doch reichen Gewinn, ihnen nachzuforschen.  Dem Freimauerer gewährt und stärkt solches Forschen das Bewusstsein, dass er mit seiner königlichen Kunst in der großen, durch die Jahrhunderte und Jahrtausende sich hinziehenden Kette steht, deren Glieder alle, wenn auch zu verschiedenen Zeiten und unter stets veränderten Verhältnissen, an der Erreichung des einen großen Zieles arbeiteten: den Menschen zu veredeln und das menschliche Leben immer mehr nach dem Plan des Weltenbaumeisters zu gestalten.


Dem wissenschaftlichen Berufe der Freimaurerei, also den Forschungen nach ihren dunklen Ursprüngen, dienen auch die nachfolgenden Ausführungen über die Eleusinischen Mysterien. Im Altertum, d.h. Im Wesentlichen in Griechenland, Ägypten und Vorderasien waren es die Geheimkulte der Mysterien, der Pristerschulen und des Mithrasdienstes, die (im Gegensatz zu den Staats- und Volksreligionen) den Gedanken an die Eine Gottheit pflegten. In diesen alten, geheimnisvollen Kulten finden wir auch unsere erhabene Dreiheit als das Grundprinzip des veredelten, sittlichen Strebens wieder: Weisheit, Schönheit und Stärke.


In diesem übertragenen, weitherzigen Sinne können wir in einer gewissen Weise auch die alten griechischen Mysterien und so manche Gedankenträger der alten Welt zu den Vorläufern unserer Freimaurerei und unserer „königlichen Kunst“ zählen. Und darum wird eine Schrift wie diese gerade in der heutigen Zeit der sinnigen und sinnvollen Wiedererweckung alter gemütstiefer, deutsch empfundener, Mystik das Interesse weiter Kreise erwecken und den Kern der Bestrebungen der Freimaurerei in ein anderes Licht stellen.


Es gibt’s freilich auch andere Zugänge zu den letzten Dingen.

Der Wege sind viele, der Meilensteine schier unzählige; aber das Endziel wohl nur eins!



Auszug: Woldemar von Uxkull / Die Eleusinischen Mysterien





Mit freundlichem Gruß

S.A.